lebendige Musik -
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27. September 2009

Nun kann ich einen Anfang machen.

Etwas, was mich sehr beschäftig:
Das Musikleben und die Musik-Ausbildung sind sehr geprägt von Technologisierung.
Ich meine damit, dass die Technik (also die korrekte Ausführung der zu spielenden
Töne) immer mehr und viel zu sehr wichtig genommen wird und der Ausdruck,
das eigentlich Künstlerische, immer mehr in den Hintergrund gedrängt wird.
Gerade beim Klavier habe ich so viele Spieler gehört, die perfekt und kalt spielen,
dass ich mich immer mehr fragen muss: Wo bleibt denn da die Kunst?

Ich würde sehr gerne darüber mit Fachleuten wie Laien in ein Gespräch gehen, ob
solche Beobachtungen auch gemacht werden, was man dagegen oder besser gesagt:
was man für die Kunst, den Ausdruck, die Seele in der Musik tun könnte schon in
den Ausbildungsstätten (Konservatorien, Musikhochschulen).

Vielleicht ist das Klavier in speziellem Masse von diesem Problem betroffen, da
ein perfekt ausgeführter hoher Schwierigkeitsgrad auch eine Faszination auf den
Zuschauer ausübt (wohlgemerkt: auf den Zu-Schauer, nicht den Zuhörer).
Ich konnte solche Beobachtungen aber nicht bloss bei Pianisten, sondern auch bei
vielen anderen Instrumenten machen.

Es läuft für mich letztlich auf eine Ent-Seelung heraus, die ich als sehr schmerzlich
und für den Menschen und auch als gefährlich ansehen muss, da ich
gerade in der Musik eine sehr belebende und heilende Kraft erleben kann (das mal
ganz allgemein gesprochen - ich kann es gerne bei Gelegenheit noch weiter
ausführen).

Im Studium erkannte ich eine Leistungsorientierung, nicht eine Entwicklungsorien-
tierung (die Studenten müssen liefern, sie erhalten nicht den Raum und die Unter-
stützung, das Künstlerische zu entfalten).

Vielleicht mag das dem einen oder anderen etwas schwarzmalerisch daherkommen,
und man kann sicher auch vieles dagegenhalten - auch möchte ich dazugesagt haben,
dass ich damit kein Pauschalurteil über unsere heutigen Ausbildungsstätten aus-
gesprochen haben möchte - letztlich kommt es ja doch immer auf den konkreten
Lehrer an, der mit den Studenten umgeht oder eben nicht umgeht. Auch da habe ich
logischerweise sehr Unterschiedliches erlebt.

Soweit erstmal ein Anfang eines hoffentlich entstehenden Gespräches über dieses Problem.

Joshua Nowak
Güeterstalstrasse 19
8133 Esslingen, CH

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27. September 2009

Als Laie muss ich nach Konzerten immer wieder feststellen, dass beinahe,
um nicht zu sagen immer, eine sogenannte Nachhaltigkeit fehlt.
Kaum ist der letzte Ton gespielt, nicht einmal ganz ausgeklungen,
beginnen die Leute zu klatschen. Damit wird die ganze aufgebaute Stimmung
jäh zerstört! Schade für all die Mühe und Anstrengungen der Künstler.
Der Mensch braucht doch eine gewisse Zeit, um das Gehörte aufzunehmen
und zu verarbeiten.

Natürlich sollen die Künstler ihre entsprechende Anerkennung des Vollbrachten erhalten. Aber muss das so augenblicklich geschehen? Ein künstlerischer Eindruck sollte doch nicht so abrupt ausgelöscht werden? Ein Moment der Ruhe wäre Balsam für die Seele.

Nach dem Betrachten eines Bildes von Van Gogh klatscht man ja auch nicht lauthals durch die Gegend.

Gibt es einen Weg, diese "Nachhaltigkeit" in der Musik wieder zum Leben zu erwecken?

Germann Bruno
8808 Pfäffikon SZ, CH

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27. September 2009

Das abrupte oder besser gesagt, das "abrupende" (abreissende) Klatschen
scheint mir sehr zusammenzuhängen mit dem Eindruck, den ich geschildert habe:
Die Musik ist des öfteren schon gar nicht mehr anwesend, wenn der Künstler spielt, also braucht die Seele des Zuhörers auch keine Zeit, um einen künstlerischen
Eindruck der Musik, der seine Seele erheben könnte, zu verarbeiten.
Was als Eindruck für den Zu-Schauer (nicht Zuhörer) bleibt, ist die beschriebene
Faszinationan der Perfektion der Ausführung der Künstler, als ein äusserlicher
Eindruck und nicht ein innerlicher, seelischer (die Erhebung). Ich bin auch der
Meinung, dass ein Künstler, der wirklich Musik vermittelt und die Seelen erheben
kann, Applaus verdient hat bzw. Dankbarkeit (das hat nichts mit meinem auf
der Startseite beschriebenen Grössenwahn zu tun, ich empfinde es einfach so, dass
ich echt dankbar bin, wenn mal jemand musikalisch spielt, denn das befreit, be-
flügelt und befriedet meine Seele, das spüre ich allzu deutlich).
Ich bin der Überzeugung, dass es Wege gibt, diese Nachhaltigkeit der Musik bzw.
die Musik wieder zum Leben zu erwecken, denn ich kenne einige Künstler, die
in Richtung Musik wieder unterwegs sind und sich der Problematik heutiger
üblicher (pauschal gesprochen) Aufführungspraktiken bewusst sind. Ich habe die
Hoffnung, dass solche Musiker sich auch zusammenschliessen werden...

J. Nowak

PS: Ich muss nochmal sagen, dass ich keine Pauschal-Urteile fällen möchte,
aber doch mein vorwiegender Eindruck unserer jetzigen "professionellen"
Aufführungspraxis hier in der Schweiz (beschränke ich mich mal darauf) ist so,
wie ich schreibe - und wer getraut sich denn schon, mal "buh" zu rufen, wenn ein
scheussliches musikalisches Werk aufgeführt wird (ich ehrlicherweise auch
nicht immer)?

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26. Dezember 2009

Hallo, tut mir leid, aber ich möchte anonym bleiben. Sie schreiben ja, dass das ok ist.
mein Beitrag: Ich wüsste halt gerne, was Sie, Herr Nowak unter musikalisch und seelisch verstehen, um Ihre Kritik zu verstehen. Ist ok, wenn sie nicht pauschalisieren, wenn ich aber selber das viel auch so erlebt habe. Sie lassen sich da halt schon auf die Äste raus. Deshalb schreibe ich auch anonym, weil ich dem zustimmt. Es ist viel kaltes bei den Aufführungen und ich frage mich, wie es früher war, wenn man liest, dass da nach jedem Satz geklatscht wurde in den Aufführungen. Da muss mehr Esprit dabei gewesen sein. Also Klatschen finde ich schon ok, wenn Musik dabei ist. Aber wie man das unterscheiden soll, ist schwierig, weil es ja nichts Objektives ist. Soweit mal. Ich freu mich schon mal auf die Antwort! Grüsse, und sorry -

wie gesagt anonym, 26.12.09


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27. Dezember 2009

Lieber Unbekannter,
Ich freue mich natürlich darüber, dass das Forum doch noch wieder einen Beitrag
erhalten hat! Ich dachte schon, ich schliesse es wahrscheinlich wieder, da so lange
nichts kam...

Zu Ihrem Beitrag, da Sie mich direkt fragen:
Es ist schwierig, das Seelische in Worte zu fassen, aber ich denke, es ist heute allge-
mein bekannt, dass die Musik oder eben besser gesagt gewisse Musik eine wohltuende
beruhigende oder erhebende Wirkung auf unser Wohlbefinden (damit hat das
Seelische zu tun) ausübt. Unter Musikalisch verstehe ich, wenn die Gesten, die in
jedem Musikstück vorhanden sind, auch spürbar werden, indem die Künstler die
Musik gestalten, die sie spielen (dynamische und agogische Gestaltung). Ob ein
Künstler das tut, ist nur dann zu unterscheiden, wenn man selber solche Unterschie-
de auch genügend erleben durfte. Das setzt aber voraus, dass solche Unterschiede
auch dargeboten werden in der Musikkultur und vor allen Dingen im Studium auch
vermittelt werden. Unter seelischer Gestaltung verstehe ich das sich verändernde
Erleben und Gestalten von Ton zu Ton, nicht nur von Phrase zu Phrase oder gar von Satz zu Satz.
Allzu oft wird nur eine Grundstimmung eines Satzes dargeboten, aber alles, was
als bewegte Geschichte zwischen den Tönen spricht, wird nicht herausgestaltet,
herausgeschält, dargeboten.

Das Seelische lebt in der Stille  z w i s c h e n  den Tönen. Das was zwischen den
Tönen geschieht als innere seelische Geste, das ist das entscheidende, das Musika-
lische. Wenn man durchgehend das Gefühl hat, dass jeder Ton zu einem spricht, dann
ist eine Aufführung musikalisch. Auch mit weniger kann man sich schon glücklich
schätzen, auch das befreit und erhebt schon. Der Unterschied aber ist ein gewaltiger
für die Seele, ob sie mitschwingen darf, oder nicht.

Ich weiss nicht, ob das weiterhilft - vielen Dank jedenfalls für die Frage und ich bin gerne bereit, es noch weiter auszuführen, wenn Sie möchten. Ich muss einfach schauen, dass ich nicht der einzige Schreiber in meinem eigenen Forum bin.

J. Nowak

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6. Januar 2010

Hallo Herr Nowak,
Sorry, über die Festtage konnte ich nicht antworten. Danke für die Antwort! Finde ich interessant, das mit dem zwischen den Tönen. Das habe ich anderswo auch schon gehört. Also ich habe nichts dagegen, wenn Sie Ihr Forum vollschreiben wenns interessant ist. Ist ja Ihre Website, nehme ich an. Schade dass sonst niemand schreibt. Ich habe Ihre Seite zufällig über ebesucher.de entdeckt. Nicht nach Musik gesucht. Das ist natürlich auch nicht so ein Musikforum, die ebesucherseite. Sie meinen also, es wird zu wenig gestaltet. Ich würde Sie auf Grund Ihrer Kritik gerne mal ausführlich spielen hören, muss ich sagen. Ihre Aufnahmen von Kompositionen wirken sehr steif, sorry! Also wenns recht ist, bitte ich um weitere Ausführungen der Theorie. Ich les es dann auch!

MfrlGr... anonymus 1 (den nehme ich als Spitzname, dann wissen Sie jeweils das der gleiche schreibt. Ich bleib erst mal dran.)

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6. Januar 2010

Ich vergass noch: Der Name duo con anima ist eine konsequente Behauptung von Ihnen :) Aber eine Aufnahme wäre schon schön!

anonymus 1

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7. Januar 2010

Lieber anonymus 1,
Vielen Dank für die Anregungen. Ich veröffentliche Ihren diesmaligen Beitrag hier im Forum, da die Musikalität ja nicht vom Menschen zu trennen ist, und  i c h  behaupte, dass  i c h  einige wesentliche allgemeine und wissenschaftlich nachvollziehbare Gesetze des Musikalischen untersucht habe bzw. "gefunden" habe und auch vermitteln zu können glaube. Ich werde diesbezüglich gerne weiter ausholen, wenn Zeit dafür ist.
Momentan bin ich sehr mit Unterrichten und Organisieren beschäftigt. Deshalb
bitte ich den Leser und Sie, lieber anonymus 1, ein weiteres Mal um Geduld. Ich
werde aber darauf kommen, ich verspreche es. Nichts wäre mir lieber, als wenn
eine grosse öffentliche Diskussion darüber entfesselt würde :) . Also: Meine Musikali-
tät muss natürlich einer Prüfung unterzogen werden, wenn ich mit meinen "Gesetzen"
glaubhaft dastehen soll. Deshalb ist Ihre Aussage sachbezogen wichtig, dass man mich mal spielen hören müsste. Vielleicht bin ich ja wirklich nur grössenwahnsinnig, wie
auf der Startseite vermerkt...die Zukunft wird es zeigen, wenn sie mir genügend
Tage gönnt. Ein Wissenschafter muss natürlich glaubhaft sein, sonst ist seine Wis-
senschaft nicht viel wert. Sie haben vielleicht nicht bemerkt (wie auf der Seite
-> Werke/Verkauf unten angegeben), dass die Aufnahmen auf den Verkaufsseiten nicht meine Interpretationen sind. Ich bin darüber auch nicht gerade glücklich wie man sich gemäss meinem Motto "lebendige Musik" vorstellen kann. Eine Aufnahme kann aber so oder so niemals das lebendige Musizieren life qualitativ ersetzen.
Soweit für heute.

J. Nowak


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